St. Nicolai-Kirche
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Kirchenführer


Liebe Besucher,

ich freue mich, dass Sie den Weg in die S. Nicolai-Kirche gefunden haben. Der Kirchenführer soll Ihnen Sehenswürdigkeiten aufzeigen und Antwort geben auf die Fragen: „Seit wann gibt es das Kirchspiel (die Kirchengemeinde) Wöhrden? Seit wann gibt es eine Kirche in Wöhrden?“
Besonders möchte ich auf die Anthonius-Wilde-Orgel von 1593 hinweisen. Soweit bekannt zählt sie zu den größten historischen noch bespielbaren Kirchenorgeln im norddeutschen Raum.
Horst Ploog


Die Gemeinde Wöhrden

Wöhrden, erstmals 1281 urkundlich erwähnt, ist eines der ältesten Wurtdörfer in der Dithmarscher Marsch. Die Wurtsiedlung Wöhrden dürfte 200 – 300 n. Chr. ihren Anfang nehmen. Zunächst werden verteilt über die Hallig so genannte Kern- oder Hauswurten aufgeworfen, auf denen Stallgebäude mit integriertem Wohnraum stehen. Die nahen grünen Wattflächen werden als Weide- und Ackerland genutzt. Alsbald wird die Wurt planmäßig erhöht. Mit 6,24 m über NN ist Wöhrden das höchste Wurtdorf der Dithmarscher Marsch. Der Seedeich, ca. 1200 n. Chr. errichtet, schützt vor Überflutungen. Ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem schafft die Voraussetzung für eine ertragreiche Landwirtschaft. Die gewinnbringende Landwirtschaft, ein Hafen für den Export heimischer Produkte und den Import hier und im Hinterland benötigter Waren, machen die Bewohner verhältnismäßig wohlhabend.

Heute ist das landwirtschaftlich geprägte Wöhrden, mit einer Grundfläche von 2.158 ha, eine aufstrebende Gemeinde. Industrie- und Gewerbebetriebe, Handwerk, Gastronomie, Freie Waldorfschule, ab August 2007, und ein reges Vereinsleben bieten einen hohen Wohnwert.

Die Kirchengemeinde, Trägerin von Diakoniestation und Kindergarten, hat mit einem aktiven Kirchenleben für alle Altersgruppen einen großen Anteil daran.

Aus Heiden werden Christen

Kaiser Karl der Große (742 – 814) unterwirft die Sachsen. Dithmarschen wird, wie Holstein und Stormarn, ein Gau Karl des Großen. Der Kaiser ist ein Anhänger des christlichen Glaubens. Die Glaubensrichtung, ein Privileg der Herrschenden, gilt somit auch für Dithmarschen.

Als erster versucht Atrebanus, ein Schüler des Bremer Bischofs Willehad, aus Dithmarscher Heiden Katholiken zu machen. Er muss 782 in Meldorf sein Ansinnen mit dem Leben bezahlen. Die Bremer geben jedoch nicht nach, denn mehrmals erscheint Bischof Willerich in Meldorf. Letztendlich sind die Dithmarscher überzeugte Katholiken. Bald steht in Meldorf die erste Taufkirche. Als Mutterkirche ist sie für ganz Dithmarschen zuständig.

Kirchspiel Wöhrden

Die erste Kirche steht in Meldorf, zwischen 810 und 826 erbaut. Jeden Sonntag Kirchgang ist damals für die meisten Dithmarscher unmöglich. Ausgebaute Wege gibt es nicht. Kirchenbesucher der nördlichen, östlichen oder südlichen Bereiche Dithmarschens benötigen dafür mit Pferd und Wagen einige Tage. Die Wöhrdener können mit ihren Booten ohne Hinderungen nach Meldorf segeln. Gottesdienste werden sich damals auf eine bestimmte Anzahl beschränken. Kinder müssen nach der Geburt, alsbald in einer Kirche getauft werden. Unterlassungen werden schwer bestraft. Die Kindtaufe steht dem Bischof zu. Der ist nur ein- bis zweimal im Jahr in Meldorf. An diesen Tagen müssen alle Neugeboren in der Meldorfer Taufkirche sein. Ähnlich müssen wir uns über lange Zeit den Kirchgang vorstellen.

Damit der christliche Glaube und das Amtshandeln beobachtet und durchgesetzt werden kann, werden auf der Geest nach und nach Kirchspiele gebildet. In einer Schenkungsurkunde von 1140 sind Lunden, Meldorf, Süderhastedt, Tellingstedt, Uthaven, Weddingstedt und die Insel Büsum benannt. Danach entstehen zügig vier Kirchspiele in der Marsch und gleich viele auf der Geest.

In einer Urkunde vom 7. Mai 1281 unterzeichen, außer Meldorf und Brunsbüttel, 13 Kirchspiele einen Vertrag mit Hamburg. Wöhrden besiegelt den Vertrag mit „S(igilum) sancti Nicolai in Worden“ und tritt damit erstmals urkundlich in Erscheinung.
Zum Kirchspiel Wöhrden zählen von der Gemeinden Norderwöhrden die Ortsteile: Wellinghusen, Nannemannshusen, Poppenhusen, Edemannswurth, Edemannswisch, Wennemannswisch, Överwisch; Gemeinde Wöhrden: Neuenwisch, Neuenkrug, Hochwöhrden, Wackenhusen, Großbüttel, Walle. Die Gemeinde Friedrichsgabekoog kommt 1812, Ketelsbüttel ab 1974 hinzu. Von der Gemeinde Nordermeldorf ist ab Harmswöhrden der nördliche Christianskoogs Teil der Kirchengemeinde Wöhrden.

Mit der preußischen Landgemeindeverfassung, 1867, erfolgt eine strikte Trennung der Kirchen- und Kommunalverwaltung, statt Kirchspiel heißt es nun Kirchengemeinde Wöhrden.



St. Nicolai - Kirche Wöhrden von 1281

Auf der Wöhrdener Wurt steht mit Sicherheit 1281 eine Kirche. 1140 wird Wöhrden als Kirchspiel nicht erwähnt. Bedeutet dies, dass man sich damals keine Kirche leisten kann, oder wohnen in der Gegend zu wenig Menschen? Auf jeden Fall wird die Kirche zwischen 1140 und 1281 gebaut. Aber, wie groß ist sie und aus welchem Material?

Graf Gerhard der Große fällt in Dithmarschen ein. Er rückt am 7. September 1319 über Albersdorf bis Hemmingstedt vor. Die Dithmarscher sammeln sich in Meldorf zum Gegenangriff. Wöhrden, von Woldersmannen gegründet, dem wohl größten Geschlecht Dithmarschens, gilt als reich. Der Graf will gar nicht nach Meldorf, sondern dringt am 8. September mit einem Trupp Reiter in Wöhrden ein. Hier will der Schaumburger Graf Gerhard reiche Beute machen.

Die Wöhrdener und einige dithmarscher Krieger flüchten in die Kirche. Diese wird von den Angreifern kurzerhand in Brand gesetzt.

Es dauert nicht lange, da schmilzt die Bleieindeckung und topft den Männern auf ihre Köpfe. Derweil machen Gerhards Leute fleißig Beute und laben sich an Wein und Bier.

Die Wöhrdener bitten die Heilige Jungfrau Maria um Hilfe: „Maria, steh uns bei! Kommen wir mit dem Leben davon und können den Feind schlagen, versprechen wir, werden wir eine neune bauen, die schönste und größte Dithmarschens“.
Sie haben nichts mehr zu verlieren, nehmen ihren ganzen Mut in die Hand, brechen mit einem Hurra aus der Kirche aus und schlagen mit unbändiger Wut im Bauch Graf Gerhard und sein „Kriegsvolk“ in die Flucht.

So oder so ähnlich lesen sich Erzählungen über die Schlacht bei Wöhrden, 1319.

Bekannt ist somit, dass die Kirche mit Blei eingedeckt ist. Die Wände sind größtenteils aus Holz. Außerdem weiß man, dass die Kirche mit einer 3,00 bis 6,00 m hohen Feldsteinmauer umgeben ist. Und sie trägt den Namen Sankt Nicolai, dem Schutzpatron der Fischer und Kaufleute.



Die St. Nicolai-Kirche von 1319

Die Wöhrdener halten Wort und bauen eine neue Kirche.

Das älteste Zeugnis liefert Peter Boeckel mit seiner Bildkarte Dithmarschen, 1559.Olden Wurden – Ausschnitt der Bildkarte von Peter Boeckel 1559


Johann Adrian Bolten, 1772 – 1782 Diakon in Wöhrden, preist die Kirche: mit so ansehnlichen, steinernen Gewölben, einem so geräumigen Chore und überhaupt so kostbaren Einrichtungen versehenalsKrone der Landeskirchen (Dithmarscher Kirchen) an.

Das Hauptschiff hat große Steingewölbe, das Nebenschiff eine hölzerne Decke. Zwischen den Schiffen befindet sich eine Arkadenwand (Bogenwand), welche die nach innen geneigten Dachflächen beider Schiffe auffängt. Dort anfallendes Regenwasser wird in einer Rinne aus Bremer Sandstein nach Westen und Osten abgeleitet. Beide Dächer sind Satteldächer. Zum einen heißt es sie sind mit Fliesen, zum anderen mit Dachziegel eingedeckt. Vermutlich ist das Hauptschiff mit Fliesen, das Seitenschiff mit Dachziegel versehen. Im Dachreiter befindet sich die Stundenglocke. - Zu Lageplan und Maßen verweise ich auf Seite 10/11.

Sie ist eine der ältesten Kirchenglocken Dithmarschens.

In einem niedrigen, hölzernen Glockenturm, westlich der Kirche, hängen drei große Kirchenglocken. Die eine, 1.200 kg schwer, (klingend fis), trägt die plattdeutsche Inschrift: : „Maria bin ik gheheten – dat Kespel to Olden Worden let mi gheten. – S. Antonius“, („Maria heiße ich – das Kirchspiel Olden Worden ließ mich gießen“), sowie eine lateinische Inschrift: „Die Verstorbenen beklage ich, die Lebenden rufe ich, die Blitze breche ich. Meine Stimme ist die Stimme des Lebens, ich rufe Euch zum Gottesdienst. Kommt! Gott sorge für meine Seele. Hermen Klinghe, der mich gegossen. – Anno Dei – M – CCCC – L – III“, (1453).


Die zweite, 300 kg schwer, (klingend d), trägt nur das Datum „Anno Dm – M – CCCC – XI – III“ (1493). Anmerkung: Die Zahl XI soll sicher eine IX = 9 sein und wurde falsch gegossen. Über die dritte Glocke ist nur bekannt, dass sie 1057 kg wiegt und im I. Weltkrieg vom Staat eingezogen wurde.

Ein 170 kg schwerer Taufkessel, ein Alabasterrelief, 1613 von Hinrich und Anna Kruhsen gestiftet, zeigt das Heilige Abendmahl, ein 20-flammiger Messingkronleuchter von 1643, gestiftet von Henning Jungen Hebke, ein Epitaph ohne Angaben, zeigt das Jüngste Gericht, Heiligenbilder, teure Gold- und Silbersachen, kostbare Altargegenstände und andere Wertsachen gehören selbstverständlich zur Kircheneinrichtung, ebenso eine Kirchenorgel, welche sich ab 1559 nachweisen lässt. 1593 wird sie durch eine neue ersetzt. Des Weiteren verfügt die Kirche über einen Hauptaltar und sieben Nebenaltäre.

Im Mittelalter sind die Menschen stark gottgläubig. Sie haben große Angst vor dem Fegefeuer und glauben ihre Seelen müssen bis zum Jüngsten Gericht im Fegefeuer leiden. Das Sündenregister bestimmt die Zeit im Fegefeuer. Stiftet eine Person einen Nebenaltar in der Kirche, stellt hier einen Vikar an, der Seelenmessen abhält, kann dies die Leidenszeit verkürzen. Solch Nebenaltäre, von einem Vikar bedient, werden auch Vikarien genannt. Im Plattdeutschen heißen sie „Lehn“.

In der Wöhrdener Kirche ist 1527 ein St. Katharinen-Lehn, St. Annen-Lehn, St. Gertruden-Lehn, Herrn Holtmann-Lehn, Herrn Boldewyes-Lehn, ein Marien-Altar und ein Fronleichnam-Altar bekannt. Wer diese Altäre einrichten und über den Tod hinaus unterhalten will, setzt dafür Gelder oder den Ertrag von einem dafür bestimmtes Stück Land fest. Dort angestellte Vikare sind gehalten diese Gelder gewinnbringend auszuleihen, um damit ihr finanzielles Einkommen abzusichern.

Die Sage, im Seitenschiff seien Totenköpfe von in Dithmarschen gefallenen Adeligen eingemauert, ist stark zu bezweifeln. Vielmehr dürfte es sich um einen späteren Anbau handeln, in dem sich Beinhaus und Sakristei befinden. Im Beinhaus werden die Gebeine auf dem Kirchplatz bestatteter Toten abgelegt. Das Wöhrdener Beinhaus ist der einzige Nachweis, dass es in Dithmarschen Beinhäuser gegeben haben muss. Dieser Totenkult fällt nach der Reformation weg.

Die St. Nicolai-Kirche von 1319 ist die erste gotische Hallenkirche Dithmarschens.

Die Einführung der Reformation 1532 in Dithmarschen zieht große Veränderungen nach sich. Sämtliches Inventar der Kirche, das an katholische Zeiten erinnert, wird entfernt. Nebenaltäre verschwinden, Vikare und Seelenmessen gehören der Vergangenheit an

In Wöhrden wird, wie im übrigen Dithmarschen, der katholische Pastor durch einen evangelischen ersetzt.

Die St. Nicolai-Kirche von 1319 mit separatem Glockenturm sind gestrichelt dargestellt. Darin eingefügt ist die heutige St. Nicolai-Kirche von 1788. Die Straßen enden an der Kirchhofsmauer. Ringstraße und Schulstraße sind nicht vorhanden.


Maße zur Zeichnung auf Seite 10

Alle Maße sind in Fuß überliefert. Die nachfolgenden Berechnungen basieren auf den norderdithmarscher Fuß.

Obwohl Wöhrden in Süderdithmarschen liegt gilt hier das in Norderdithmarschen gültige Fußmaß.
Ein noordithmarscher Fuß misst 0,29889 m.



Äußere Länge des Hauptschiffes 170 Foot x 0,29889 m - 50,8113 m

Äußere Länge des Nebenschiffes 116 Foot - 36,6712 m

Breite beider Schiffe zusammen 80 Foot - 23,9112 m

Lichte Weite des Hauptschiffes 38 Foot - 11,3578 m

Lichte Weite des Nebenschiffes 32 Foot - 9,5644 m

Die Länge Beinhaus mit Sakristei 24 Foot - 7,1734 m

Die Mauerhöhe bis zur Traufe 28 Foot - 8,3689 m

Die Mauerstärken betragen 5 Foot - 1,4945 m

Das Maß des Glockenturms ist nicht bekannt, vielleicht - 5 x 5 m



Längenmaß des Kirchenplatzes, wie im Lageplan dargestellt - ca. 66,00 m

Die Breite des Platzes beträgt - ca. 42,00 m

Leider muss die Kirche 1777 wegen Einsturzgefahr geschlossen werden.

Das Kirchspiel kauft von Bauer Johann Karstens den Stall (Materialienhaus), Hafenstraße 17. Dieser wird um zwei Fächer verlängert und ca. 2,00 m verbreitert. Der gotische Blendnischengiebel vom Seitenschiff wird herausgenommen und hier im Ostgiebel eingefügt. Die Innenwände erhalten einen weißen Anstrich, Balken und Holzständer grüne Rankmalereien. Den Rundbalken über der Eingangstür ziert der plattdeutsche Spruch: ICK WILL JU EEN NIE HERTE UNDE EENEN NIEN GEIST IN JU GEVEN (Ich will Euch ein neues Herz und einen neuen Geist in Euch geben; Hesekiel 3626). Das Materialienhaus dient der Kirchengemeinde Wöhrden bis 1788 als Interimskirche.


St. Nicolai-Kirche von 1788

Dithmarschen, 1559 vom Königreich Dänemark befehdet, besiegt und zunächst dreigeteilt, wird 1582 in Norder- und Süderdithmarschen getrennt, dadurch auch das Kirchspiel Wöhrden in Kirchspiel Norder- und Süderwöhrden, (heute politische Gem. Wöhrden). Kirchlich ändert sich nichts. Sie bleibt als Institution zuständig für das gleiche Gebiet. Ein Kuriosum ist, dass das in Norderdithmarschen liegende Norderwöhrden und das in Süderdithmarschen befindliche Süderwöhrden für den Unterhalt und Zustand der Kirche Verantwortung tragen. Nun, nach rd. 200 Jahren müssen sich die beiden Kirchspiele über einen Kirchenneubau einigen, was sich als äußerst langwierig erweist. Norderwöhrden will absolut keinen Neubau, Süderwöhrden sehr wohl. Endlich, 1785, einigen sich beide Parteien auf einen Neubau, mit Sitzplätze für 400 Personen.

Kirchenbaumeister Johann August Rothe, Altenburg/Thüringen, seit längerem wohnhaft in Ahrensburg, erhält am 10. Januar 1786 den Zuschlag. In zwei Jahren muss der Neubau fertig sein. So lange hat er in Wöhrden zu wohnen. Ende Mai 1786 beginnen die Bauarbeiten. Im August 1787 ist Richtfest.

Das lichtdurchflutete Kircheninnere ist, abgesehen von wenigem Zierrat aus Blattgold, von schlichter Schönheit.


Aus der Vorgängerkirche übernommen sind über dem Altartisch das Alabasterrelief von 1613, rechts neben der Orgel das Epitaph, der Messingkronleuchter von 1643, die Anthonius-Wilde-Orgel von 1593, die Glocken von 1453 und 1493 und die Sturm- und Feuerglocke von 1735. Sie hängt zu Osten, oben im Kirchturmmauerwerk.
Im 18.Jh. findet man in Neubauten vermehrt Kanzelaltare. Kirchenbaumeister Rothe versieht die Kirche mit einem Kanzelaltar. Die Schnitzereien stammen von Bildhauer Hans Holtmeyer, Wewelsfleth. Ende des 17. Jh. sind in protestantischen Kirchen neuerdings Taufengel in Mode. In Schleswig-Holstein sind im 18. Jh. 62 Kirchen damit ausgestattet. Heute sind noch 23 in Gebrauch. Einer, von Holtmeyer geschnitzt, schwebt von einer Eisenstange gehalten im Altarraum der Kirche. Der Altarraum ist nicht sehr groß. Der bronzene Taufkessel wurde veräußert. Ein Taufengel benötigt kaum Platz, lässt sich zur Taufhandlung herunterziehen, ist gleichzeitig hochmodern und somit genau richtig für die neue Wöhrdener St. Nicolai-Kirche. Eine neue Kirchenuhr liefert Uhrmachermeister H. Magnus, Heide.

Die feierliche Einweihung am 21. September 1788 ist etwas ganz außergewöhnliches. Alle wollen die neue Kirche sehen. Sie ist übervoll.

Nun hat Wöhrden wieder eine St. Nicolai-Kirche, im barocken Stil, 30 m lang, 13 m breit, mit einem 42 m hohen Kirchturm.


Leider haben die Wöhrdener nicht lange Freude am Kirchturmdach. Die Kupfereinfassung muss wiederholt repariert, zuletzt total erneuert werden. Schließlich lässt sich 1812 ein Abriss des Turmdaches nicht mehr verhindern. Der Turm erhält nun ein niedriges Zeltdach. Damit nicht genug, der Turm neigt sich beständig nach Westen. 1950 fallen erste Steinbrocken aus dem Mauerwerk heraus. Das Glockenläuten ist nicht mehr möglich.

Der Kirchenvorstand beschließt im Mai 1956 Abbruch und Neubau mit einem Glockenstuhl für vier Kirchenglocken. Zu den beiden alten Glocken gesellen sich zwei Neuanschaffungen. Die eine, 400 kg schwer (klingend h), mit der Inschrift: „Lasset Euch versöhnen mit Gott, 2. Kor. 52, - Gestiftet im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des Kirchturmes - 1956“, schafft die Kirchengemeinde an. Die zweite, 600 kg schwer (klingend a), spendet der Wöhrdener Bürger Reimer Winckelmann. Sie trägt die Inschrift: „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort, Jer. 2229 – Gestiftet von Reimer Winckelmann, zum Gedächtnis an seine Frau Sophia, geb. Carstens - 1956“.

Für eine neue Kirchenuhr fehlt das Geld. Die alte ist nicht mehr reparabel. Viele Einwohner spenden Geld. Am 2. Februar 1960 ist es so weit, eine neue Kirchenuhr mit Betglocke zeigt endlich wieder die Zeit an.

Egal aus welcher Richtung man nach Wöhrden kommt, die mitten auf der Wurt stehende, alles überragende St. Nicolai-Kirche zu Wöhrden grüßt schon von Weiten mit ihrem 29,50 m hohen Kirchturm.

Ein unbekanntes Bauobjekt

Beim Abbruch des Kirchturmes, 1956, stoßen die Arbeiter beim Abtragen des nördlichen Turmfundamentes in etwa 2,00 m Tiefe auf einen in Stein gemauerten Tunnel von ca. 0,60 m Durchmesser. Der Tunnel verläuft in Richtung Norden zum Diakonat. Eine Inaugenscheinnahme endet nach wenigen Metern. Das Mauerwerk ist offenbar von Baumwurzeln eingedrückt und macht ein Weiterkommen unmöglich. Richtig untersucht wird das „Bauwerk“ nicht.

Aber wozu dieser Tunnel? – Als in der Schlacht von Wöhrden, 1319, die Krieger in der brennenden Kirche festsitzen, vermissen sie einen Fluchtweg. Vielleicht legen die Wöhrdener 1319 beim Kirchenneubau vorsichtshalber einen Tunnel als Fluchtweg an?



Anthonius-Wilde-Orgel von 1593

In Deutschland setzt sich ab dem 9. Jahrhundert die Orgel als Kirchenmusikinstrument allgemein durch.

Nachweislich ist 1559 in Wöhrden eine Kirchenorgel vorhanden. Sie dürfte bereits 100 Jahre oder älter sein. Vielleicht ist sie zu klein, nicht auf dem neuesten Stand, oder Reparaturen lohnen nicht mehr, denn sie wird durch eine neue ersetzt.

Anthonius Wilde, ein Schüler Hans Scherer dem Älteren, hat seine größte Schaffenszeit von 1571 – 1611. Er soll eine neue Orgel einbauen. Ein Jahr später ist er damit fertig. Sie besitzt drei Manuale – Hauptwerk, Oberwerk (Schwellwerk) und Rückpositiv, 27-töniges Pedal, 32 klingende Register und 1.757 Pfeifen.

Vor Beginn des Kirchenneubaues, 1786, zerlegt Orgelbaumeister Mittelstädt die Orgel und lagert sie fachgerecht ein. 1788 baut er sie mit einem neuen Prospekt (Vorderansicht der Orgel) wieder ein. Warum die Orgelbaufirma Marcussen & Sohn 1858 eine völlige Veränderung vornimmt, Rückpositiv und 11 Register werden entfernt, erscheint unverständlich. 1959 – 60 restauriert die Orgelbaufirma Kemper die Orgel. Anscheinend fehlen danach nur noch ein Register und das Rückpositiv.

Der Wöhrdener Neidhart Bethke, bereits als 13-jähriger bei der Kirchengemeinde als Organist und Kantor fest angestellt, fügt später als sein Orgelbaugesellenstück das Rückpositiv wieder ein.

1980 stehen größere Instandsetzungsarbeiten an. Von der Fa. Rudolf Neuthor müssen die Spielmechanik, Teile der Windanlage, die Gehäusedecke und das Schwellwerk vom Oberwerk repariert oder teilweise erneuert werden. Zusätzlich baut die Fa. zwei Register ein, Trompete 8’’ ins Hauptwerk, Krummhorn 8’’ ins Rückpositiv. Nun besitzt die Orgel 33 statt 32 Register und 2.252 Pfeifen statt 1.757 und einen Zimbelstern.

Immerhin – 13 Originalregister haben alles überlebt. Die Anthonius-Wilde-Orgel von 1593 ist eine Perle. Soweit bekannt zählt sie zu den größten historischen noch bespielbaren Kirchenorgeln im Norddeutschen Raum.

Gliederung der Orgel 1980 nach der Restaurierung

Hauptwerk Schwellwerk Rückpositiv Pedal
(früher Oberwerk)

*+ Gedackt 16’’ *+ Rohrflöte 8’’ *+ Gedackt 8’’ *+ Subbass 16’’
Prinzipal 8’’ + Quintade 8’’ *+ Rohrflöte 4’’ Prinzipal 8’’
Spitzflöte 8’’ *+ Prinzipal 4’’ Oktave 2’’ *+ Gedackt 8’’
*+ Oktave 4’’ Nachthorn 4’’ Quinte 1 1/3’’ Oktave 4’’
*+ Gedackt 4’’ *+ Gemshorn 2’’ Scharff 3fach + Rauscheflöte 4fach
*+ Quinte 2 2/3’’ Mixtur 4fach Krummhorn 8’’(1980) + Posaune 16’’
*+ Oktave 2’’ *+ Sesquialtera 2fach + Posaune 8’’
*+ Oktave 1’’ Dulzian 16’’
Mixtur 4fach Vox Humana 8’’
Scharff 3fach
Trompete 8’’ (1980); (*+) = Anthonius-Wilde 1593; (+) = historisch; (’’) = Zeichen für Zoll.

Koppeln: Rückpositiv an Hauptwerk, Schwellwerk an Hauptwerk, Schwellwerk an Rückpositiv, Schwellwerk an Pedal, Rückpositiv an Pedal, Hauptwerk an Pedal.

Tremulanten im Schwellwerk/Rückpositiv, Schweller im Oberwerk, Zimbelstern (kleine Glocke)

In den Außenwänden dringt Feuchtigkeit nach innen. Der gesamte Innenputz wird 1995 durch einen Spezialputz ersetzt. Irgendetwas läuft schief. Der Putz muss erneuert werden. Obwohl die Orgel in beiden Fällen staubdicht abgedeckt ist, nimmt sie Schaden. Die Folge ist: Überholung und Restaurierung.

2001 gründet sich in Wöhrden ein Orgelbauverein. Fürs Erste schafft es der Verein, dass die Kirchenorgel bespielbar ist.





Zur Finanzierung des Kirchenneubaues werden Extrasteuern erhoben. Zudem muss in Norder- und Süderwöhrden jeder Hauseigentümer mindestens zwei Sitze kaufen, die vererbt oder veräußert werden können, jedoch nur an Kirchspielseinwohner.

Im unteren Bereich sind auf jeder Seite vom Mittelgang zwei Sitzblöcke. Zwischen den Blöcken ist ein Gang zum oder vom Süd- bzw. Nordeingang der Kirche. Vorne, an den Seiten befinden sich gegenüberliegend zwei unterschiedlich große Logen. Zusätzlich verfügt die Kirche in der ersten Hälfte an beiden Seiten über eine Empore.

Reiche Bauern des Kirchspiels nehmen mit ihrer Familie in den vorderen, großen Logen Platz. Wer nicht so viel Geld hat begnügt sich mit den um die Hälfte günstigeren kleineren Logen. Die Logenfenster lassen sich mit einem Stoffgurt nach unten öffnen. Sitzplätze in den vorderen Blöcken sind teurer, als in den hinteren und auf den Emporen. Sitzplätze zwischen den Blöcken sind mittellosen Kirchenbesuchern vorbehalten.

Damals gibt es Frauen- und Männerstühle. Die rechte Seite in der Kirche ist den Frauen zum Platznehmen vorbehalten. Auf der linken Seite dürfen dagegen nur Männern sitzen.


Impressum:
Horst Ploog (Autor)
Kirchengemeinde Wöhrden (Hrsg.) Norderstr. 2, 25797 Wöhrden
Tel.: 04839-248 –Fax: 04839-892
buero@kirche-woehrden.de
www.kirche-woehrden.de
Druck: Eigene VervielfältigungStand: Januar 2009