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Sich selbst lieben lernen mit dem Dschungelbuch

28. Miteinander-Gottesdienst in Wöhrden zum Thema:

"Ich wollt' ich wär ... ganz anders"

Von André Paul

Wöhrden. Der Altar der Kirche St. Nicolai in Wöhrden erinnert an diesem Vormittag stark an das Bühnenbild bei sehr modernen Theaterinszenierungen: ein Caféhaustisch, zwei Stühle und vier große Spiegel. Voll besetzt ist das Gotteshaus, eine Premiere steht an, künstlerisch, aber auch spirituell.

Ein kurzes Stück von hohem Symbolgehalt wird aufgeführt. Eine Frau, gerade nach längerem Aufenthalt aus Amerika zurück, erwartet in eben diesem Café ihre Schwester. Ein kurzes Handy-Telefonat gibt dem Zuschauer Aufschluss darüber, dass die Jahre in San Francisco wirtschaftlichen Erfolg brachten. Als dann die Schwester eintrifft, folgt auf die Wiedersehensfreude rasch ein Klagelied der Zurückgebliebenen. Trotz tollen Examens kein Job, Bewerbungen seien hoffnungslos. Ein Häufchen Elend ohne jedes Selbstbewusstsein, eine, die sich selbst nicht lieben kann, die lieber "anders wäre". Eben wie die erfolgreiche Schwester. Der jungen Frau muss geholfen werden, das steht fest. Aber wie?

Hier schlägt die Dramaturgie den Bogen zum Thema dieses außergewöhnlichen Gottesdienstes: "Ich wollt' ich wär ... ganz anders". Die Unzufriedenheit mit eigenem Erscheinungsbild und Identität im Kontext des Glaubens, so würde es wohl ein Theologe formulieren.

Auf der Bühne tut's statt dessen ein aufrüttelnder Monolog der erfolgreichen Schwester an die Mutlose. "Eine einzige Bewerbung reicht für einen guten Job eben nicht aus ... Du warst doch schon in der Schule besser als ich, warum nicht auch jetzt ... und außerdem bist Du viel hübscher, glaub mir." Das klingt alles nach ziemlich schlichten Wahrheiten und vielleicht stimmt das auch. Aber manchmal ist dies ein sehr erfolgreiches Mittel, um eine am Boden krauchende Seele aufzurichten. An diesem Nachmittag, in diesem Caféhaus, ist ein Mensch zurück geführt auf den Weg des Selbstvertrauens.

"Psychologen sagen, dass letztlich alles Unrecht dieser Welt mangelnder Selbstliebe entspringt. Wer sich selbst liebt, der hat es nicht nötig, andere zu verletzen, zu demütigen oder zu unterdrücken", erläutert Pastor Dietmar Gördel (37). Der junge Geistliche startete vor sechs Jahren die sogenannten Miteinander-Gottesdienste in dem kleinen Urlaubsort nah der Nordseeküste. Im ganzen Landkreis Dithmarschen gibt es bis heute wohl nichts Vergleichbares. Und genau genommen sind es mehr als Gottesdienste, vielmehr bunte Glaubensprogramme, natürlich mit Theater, mit Musik und mit Film. Zur Eröffnung zeigt die Leinwand eine beschwingte Szene aus dem Trickfilm-Klassiker "Das Dschungelbuch", wo eine dreiste, aber gut gelaunte Affenbande dem kleinen Mogli beweist, wie viel Spaß zufriedene Leute im Leben haben können.

Das wichtigste zum gelingen dieser Gottesdienste ist jedoch die nicht nur symbolische, sondern wirklich tragende Beteiligung der gesamten Gemeinde. "Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur", singen sie gemeinsam und der Pastor spielt geschickt auf der Gitarre.

"Wir sind zwischen acht und zehn Leute, die gemeinsam die Inhalte auswählen, ein passendes Stück suchen, das Bühnenbild basteln und natürlich singen und musizieren." Auf diese Weise, durch Nachfrage und Kritik, kommt natürlich ein anderer Gottesdienst zustande, als wenn der Pastor allein im stillen Kämmerlein die Predigt texten würde. Ohne Talar, mit Cordhose und sportlichem Sakko, predigt Gördel an diesem Morgen. Und er ist keiner, der sich beim Thema Selbstzweifel altklug außerhalb normaler menschlicher Regungen bewegt. "Gestern im Freibad habe ich angesichts meiner jungen Konfirmandinnen die ganze Zeit den Bauch eingezogen", scherzt der Pastor, um im nächsten Moment mit dem Lippenstift seiner Frau - "Es ist doch nicht dein Bester, oder?" - ein großes Herz auf einen der Spiegel zu malen als Zeichen Gottes, nach dessen Ebenbild wir geschaffen sind. Nun muss man sich beim Blick hinein einfach lieben! "Wer sich selbst klein macht, macht damit auch Gott klein", bilanziert Dietmar Gördel zum Ende seiner Predigt. Und die Gemeinde applaudiert.

Der vergangene Miteinander-Gottesdienst war schon der 28., am Sonntag, den 16. September, 11:00 Uhr, soll es wieder soweit sein.


André Paul, 31, ist Redakteur bei der "Dithmarscher Landeszeitung" in Heide

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